Wo begegnen mir Urbilder mit denen sich Geschichten verknüpfen?

Wie kann ich sie erkennen und lesen?

Wie wirken sie auf mich eigentlich?

Was sind überhaupt Urbilder im Vergleich zu irgendwelchen Bildern?

Hier will ich versuchen, aus dem, was mir begegnet, auf meinen Reisen und zu Hause in Hamburg, Urbilder und ihre Geschichten sichtbar zu machen. Für mich und für Euch, liebe Leserinnen und Leser.

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Erzählung: Mit Märchen unterwegs in Gaza

Gemeinsam zu Hause im Märchen

„Märchen sind Träume einer heimatlichen Welt, die überall und nirgends ist“, schreibt der Dichter Novalis. Als Erzählerin ohne Grenzen erzähle ich Märchen für heimatlos gewordene, geflüchtete Kinder aus dem Orient, die jetzt in Deutschland gelandet sind. In den grenzenlosen Reichen der Phantasie und der Träume bilden traditionelle Märchen eine heilsame Struktur, die immer zu einem guten Ende führt. Auch Kinder, die es längst nicht mehr gewohnt sind, von ihren Müttern und Großmüttern Märchen zu hören, steigen mühelos in die Bilderwelten ein und fühlen sich sofort zu Hause. Durch eine gelungene Erzählung kann eine Atmosphäre entstehen, die, wie das Aufgehobensein in einer Religion, sehr verbindend wirkt.

Huhn: Micaela und Huhn in Gaza

Huhn: Micaela und Huhn in Gaza

In einer Willkommensklasse der Waldorfschule Ulm warteten etwa 12 Kinder aus verschiedenen Nationen, die kaum deutsch gelernt hatten, auf die Märchenerzählerin aus Hamburg. Dazu kamen noch 30 Erstklässler und alle saßen dicht gedrängt auf Bänken im Halbkreis und auf dem Boden. Vertrauen und spitzbübische Blicke, Kichern hier und da und Erwartung ballten sich vor mir.

Aus der roten Tasche lasse ich das Märchenhuhn hervorschauen – Stille, Gespanntheit – was kommt jetzt? Das Entree mit dem Huhn ist bewährt und reist mit mir seit Jahren zu Tausenden von Kindern. Das Huhn gackert, drückt mächtig und legt bunte Eier. Herrlich.

Dann wird es auf die Eier gesetzt, um zu brüten und das Märchen beginnt.

 

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„Sei Du das Haus und ich das Licht darinnen“

Ich erzähle meistens und gerne das Märchen von Fundevogel und Lenchen, die fliehen müssen, um den Fundevogel vor dem Kochtopf der brutalen Köchin zu bewahren. Dazu gibt es Bilder in einem schönen, kleinen, blauen Holztheater. Die ganze Märchenstunde ist rhythmisch und mit sparsamen theatralischen Mitteln aufgebaut. Am Ende hat das Huhn zur großen Freude aller verschieden farbige Küken ausgebrütet und es gibt ein bisschen Musik auf einer Kalimba, einem einfachen afrikanischen Klanginstrument oder noch einen kleinen Geschichten-Nachtisch. Dann der Abschied. Alle sind zufrieden. Kinder kommen und geben mir die Hand, bedanken sich. Augen leuchten.DSC00538

Als die meisten der 30 Erstklässler aus dem Raum heraus sind, schaut mich ein Mädchen, ich nenne sie „Alma“, aus 2 Meter Entfernung an und sagt glücklich: „Allahu akbar!“ Sie hat, ohne meine Sprache zu verstehen, die Atmosphäre aufgenommen, die durch die Märchenstunde entstehen konnte, und sie dem zugeordnet, was Religion sein möchte.

 „Erzähler ohne Grenzen“ zu sein heißt auch, ohne religiöse Grenzen gehaltvoll zu arbeiten. Die Reaktion des Kindes hat mir gezeigt, dass die Märchenstunde etwas Heiliges war, etwas Heilendes, das ganz macht und verbindet, jenseits von Kirche oder Moschee. Alle haben sich gemeinsam zu Hause gefühlt – die Kinder, die Lehrerinnen, die Betreuer und ich.
Micaela Sauber 12.7.2016

 

 

Sarajevo Ostern 2016

Bogumilisches Steindenkmal aus Ostbosnien Jerusalem Europas wird Sarajevo genannt. Das ist ein starker Name für eine kleine Stadt in einem vergessenen Land. Doch es sind dort Franz Ferdinand und Sophie ermordet worden, die einander liebten. Der Mord am österreichischen Thronfolger löste dann den 1. Weltkrieg aus.

Das „europäische Jerusalem“ wird damit begründet, dass in Sarajevo Menschen zusammen lebten, die in den vier monotheistischen Religionen zu Hause sind: Juden, Muslime, katholische und orthodoxe Christen. Doch das kann doch nicht alles sein, um Namen und Bedeutung Jerusalems nach Europa zu übertragen, nach Bosnien, einem Land im ehemaligen Jugoslawien – dem Land, in dem Südslawen verschiedener Religion und Herkunft unter dem legendären Marschall Tito vereint waren. Immerhin, das heute zerstückelte Land Bosnien (und Herzegowina) hatte ungefähr die Form eines Herzens inmitten des ehemaligen Jugoslawiens! Das halte ich für ein europäisches Zeichen, das in Nahost so nicht zu finden ist.

„Tod in Sarajevo“ heißt ein neuer, kürzlich mit einem silbernen Berliner Bären Preis gekrönter Film von Danis Tanovic. „Niemandsland“ „Nicija Zemlja“ hieß sein früherer Film, den ich denen empfehle, die sich wirklich für den Krieg interessieren, der 47 Jahre nach 1945 in Europa bei den Südslawen angezettelt wurde. Die Kunst des Regisseurs erzählt von der fatalen Situation der Menschen dort, ihr besonderes Wesen, und die peinliche Rolle der so genannten Weltgemeinschaft in diesem Konflikt.
Wieder geht es in 2016 um Europa. Der neue Film spielt in Sarajevo im „Hotel Europa“, nicht dem eigentlichen, das im Krieg zerstört wurde und nach dem Wiederaufbau jetzt „Hotel Europe“ heißt. Dies dient jetzt Männern aus reichen arabischen Ländern mit Damen in Schwarz bis auf den Augenschlitz und, ja, auch eleganteren Exemplaren, als europäische Absteige. Tanovic hat das „Holiday Inn“ in „Hotel Europa“ um benannt. Es diente während des Krieges 1992-1996, direkt an der Frontlinie, der „Sniper Alley“ als Quartier für Journalisten aus aller Welt, Vertreter der Kriegsparteien und Mafiosi. Dort spielt sein aktueller Film, der sich auf die Feier zum hundertjährigen Ereignis des Mordes am österreichischen Thronfolger in 2014 bezieht und deshalb Tod in Sarajevo heißt.
Wir hingegen haben zu Ostern 2016  „Auferstehung durch aktives Hören von Musik und Erzählungen“ in Sarajevo gefeiert. Miha Pogacnik, slowenischer Kulturbotschafter und Violinist, reiste mit seiner Guarneri Geige und mit seiner existenziellen Kunst an. Er „pflügte“ sich und sein Publikum durch die 6 Sonaten und Partiten für Geige solo von Johann Sebastian Bach in unnachahmlichen Darstellungen am Flipchart, durch dynamische Hörproben, und nach vollbrachter Erkenntnis- und Verständnisarbeit, mit seinem unvergleichlich intensivem Spiel des jeweiligen Stückes.
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Europas Herz schlug auch hier: Die Geschichte von Parzival, der nach langen und mühsamen Erfahrungen eine neuartige Fähigkeit, entwickelte, durfte durch die Erzählungen auch in Sarajevo auferstehen – zunächst in mir und dann in unserer Ostergemeinschaft von Menschen aus Bosnien, Slowenien und Deutschland. Parzival vermochte, als er endlich Gralskönig geworden war, die entscheidende, erlösende und heilende Frage an den kranken Fischerkönig zu richten, der an der tiefsten Wunde litt, die wir alle in unserer Zeit haben und doch erst daran leiden, wenn wir das Heilige erkennen können. Parzivals neue Fähigkeit ist ein lebendiges Gewissen mit Verwandlungs- und Heilungskraft. Immer frisch, immer neu und unwiederholbar haben wir Ostern 2016 in Sarajevo gefeiert! Marina Tomic, Geigenlehrerin, Waldorfpädagogin und Amela Sehalic, Studentin der Waldorfpädagogik und Initiative Duga/Regenbogen für Kinder, haben das Ereignis in Sarajevo organisiert und getragen.
Parzival Micbrunnen
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Zemlja je smrtnim sjemenom posijana
Ali smrt nije kraj Jer smrti zapravo i neme
I nema kraja Smrcu je samo obasjana
Staza uspona od gnijezda do zvijezda

Tod
Mit dem Samen des Todes ist die Erde bestellt
doch der Tod ist kein Ende
Denn eigentlich gibt es ihn nicht
weil der Tod nur die Straße nach oben erhellt
vom Nest zu der Sternenwelt

Bosnischer Dichter Mak Dizdar 1917-1971
(Übertragung Micaela Sauber)

Nasarajewo2chtrag:
Das Gedenken an „Franz und Sophie“ und die Zärtlichkeit hat eine Heimat auch im heutigen Sarajevo: Die Teestube von Adnan Smajic, einem bosnischen Arzt, der nach den Kriegserlebnissen Tee-Sommelier wurde, gibt Raum für zartes und dabei starkes Neues in dieser Stadt. Tee ist nicht aufdringlich. Er heilt die Seele, macht gesellig und inspiriert. Franz & Sophie serviert und zelebriert erlesene Tees aus aller Welt zum genießen bei schöner Musik oder zum Kauf. www.franz-sophie.ba

Trauer in Jerusalem

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In der Altstadt von Jerusalem – Werbung Granatäpfeln und Gartenzwergen

2. März 2016 nach Chr.
Vor dem Damaskus-Tor ist es heute still. Keine Händler mehr auf den Treppen, die vielen Stufen abwärts führen zum Eingang in die Jerusalemer Altstadt mit ihren alten dicken weißen Mauern. Absperrungen vor den rechten und linken Treppen, die wie ein Fächer zum Zentrum führen, zum Torweg. Junge israelische Polizisten, bewaffnet natürlich, stehen davor. Übersichtlich und frei die mittleren breiten Treppen. Durchs Tor gehe ich dann wie immer, da, die ersten Marktstände mit China-Ware, dann rechts die Wechselstube angesteuert, Euro gegen Schekel, der Kurs ist anständig. Rechts um die Ecke ein sehr schmaler Durchgang durch das Torhaus, in einen engen Gang an der inneren Altstadtmauer, wo Händler mit billiger Ware warten. Nach links und dann wieder rechts wird es breiter, hier auch wieder wie sonst von allen Seiten ein Geschrei aus dem billigen Lautsprecher: asharaf, asharaf asharaf. Asharaf, asharaf, asharaf, bei uns: alles für einen Euro, ich sehe zu, dass ich schnell an dem Lärm vorbei komme. Freue mich seit dem Ausstieg aus der Straßenbahn auf einen frisch gepressten Saft aus Orangen, Granatapfel und Grapefruit. Gehe am ersten Saftstand vorbei, hier gibt es keinen Sitzplatz, darum freue ich mich auf das kleine Café mit den schönen Kacheltischen. Drei Männer sitzen dort, ein jüngerer kommt aus einer Ecke, bringt mir dann den herrlichen Saft. Damals lagen viele Orangen auf dem Sims und der Chef, wie mit seinem südfranzösischen Flair, sorgte für ihren kunstvollen Aufbau. Auf der weißen blanken Treppe davor war viel Leben – wurden die Erdbeeren laut angepriesen, kauften Juden und Muslime die meterweit duftenden dicken Früchte im Februar, die oft aus Gaza kommen. Bäuerinnen sitzen auch heute auf den Treppen und bieten ihre Kräuter, Oliven, eingelegte Gurken. Jetzt war es viel stiller und mancher saß vor seinem Wäsche- und Sockenstand mit bitterem Gesichtsausdruck. Es gab Erdbeeren, ja, aber nur wenige, und die Kauflust war klein.

Der Saftladen warb jetzt mit Gartenzwergen um Touristen, der am Ende verlangte Preis war höher als auf der Tafel versprochen. Weniger Touristen zahlen mehr? Schade.

Auf der unteren Ebene kreist der Duft von Falafel, mehr Betriebsamkeit ist hier, links die Straße zu einigen der vielen Jerusalemer Kirchen, Klöstern und Moscheen, dem österreichischen Hospiz, wo auch der Papst einkehrt und wo es Sachertorte gibt, und zu dem Aufstieg der Via Dolorosa mit ihren unendlich vielen Schmuckläden zwischen den markierten Schmerzensstationen, damals 5 Meter unter heutigem Niveau, vor denen Christen aus aller Welt sich in Scharen versammeln und ihren Führern lauschen. Und zu der großen Mauer, wohin viele Juden am Freitagnachmittag zum Gebet eilen, die meisten schwarz gekleidet mit großen Hüten, viele mit einer Art Morgenmantel, es sieht aus, als seien sie spät dran, aber sie haben immer diesen hastigen Gehschritt. Einmal sah ich auch einen jungen breitschultrigen Vater in schneeweißem Hemd mit seinem Sohn, beide hatten eine Kippa auf dem Kopf und Gebetsriemen an den Hüften, nur der Vater eine Pistole dazu. Wie war das noch? „Oma, haste nix vergessen? Hut, Stock, Brille, Schirm, Gesangbuch – Revolver?“ Ach, wenn es nur die Oma wäre…

Heute gehe ich zur rechten Gasse wo die Palästinenser ihre Spezialitäten kaufen, Gewürze, Kaffee, große Luffagurken, Reizwäsche und Schuhe. Ich suche einen guten Kaffee, und muss ein wenig laufen, da dringt es köstlich in meine Nase: eine besondere Mischung Kaffebohnen mit Kardamom wird gerade für einen Käufer frisch gemahlen. Ich nehme ein Kilogramm mit, und es duftet später durch mehrere Plastiktüten und den Koffer hindurch unvergleichlich, wahrscheinlich unwiederholbar und unvergesslich. Später, in Hamburg war nur noch ein Schatten des Aromas vorhanden, doch der versetzte trotz des Verlustes, meine arabische Freundin in Entzücken.

Jerusalem

3. März 2016
Noch einmal fuhr ich mit der Straßenbahn von der Endstation am Herzl-Berg, dem zionistischen Weiheort, unweit Yad Vaschem, wo Entsetzen und Trauer wohnen, zum Damaskustor, um traditionelle Gewürze zu kaufen, die nur in Palästina so hergestellt werden, dass sie süchtig machen können: Satar und Doah.

Wieder an den Polizisten vorbei auf der linken mittleren Treppe – und beim Ausruhen wegen des schmerzenden Knies kurz umgeschaut und auf dem Dach des mehrstöckigen Hauses hinter mir ein Unterstand mit Scharfschützen entdeckt. Hier am Tor gab es mehrfach Messerattacken durch Palästinenser an Israelis, wobei die Palästinenser immer erschossen wurden. Das hab ich gelesen und auch das Entsetzen darüber gehört, dass ein 14jähriges Mädchen mit einem Messer in der Hand, statt dass man es ihr weg genommen hätte, einfach erschossen wurde. Wie so viele, die wissen, das hier eine Attacke mit dem Messer der sichere Tod für den Angreifer bedeutet.

Dann sehe ich es: ein kleines Knäuel über der kleinen Mauer rechts unten vor dem Tor.

Zwei dunkel gekleidete Männer beugen sich über ein Bündel Mensch. Ein Dieb, denke ich, und steige weiter hinunter, sehe, wie die beiden schwarz Gekleideten den anderen, der sich jetzt mit erhobenen Armen aufrichten muss, untersuchen, nichts finden, und es stellen sich hoch gewachsene Polizisten schützend um die Szene. Ich gehe ganz nah dran vorbei und sehe, wie diese beiden Männer in ziviler Kleidung abwechselnd ihre Köpfe drehen nach außen vom Geschehen, um den Umkreis zu kontrollieren und sehe in, ja, brutale Gesichter.

Jetzt haben sie den Jungen wieder in die Zange genommen und beim Bücken werden ihre Waffen am Gürtel sichtbar. Ich gehe ein paar Schritte weiter, durchs Tor und zum Wechselkiosk. Da treiben sie ihn im Kesselgriff vorbei, um die enge Ecke, wohin nur, ich kann mir denken, dass nichts gutes auf ihn wartet. Der groß gewachsene Junge ist gekrümmt, verdreht, er hat ein schönes und schmales Gesicht, verzweifelt, schmerzerfüllt. Weinend? Nein, er nicht, aber mir steigen die Tränen hoch und mein Herz wird zu einem schweren Klumpen, den ich dann noch lange mit mir herum schleppe.

Die Menschen jetzt gehen mit verschlossenen Gesichtern, schmalen zusammen gepressten Lippen ihrer Wege zu diesem und jenem, und ich finde in zwei Geschäften Satar und Doah und eine besonders lange Luffa-Gurke für meinen Rücken.

Bei meiner israelischen Gastgeberin bekomme ich ein Geschenk, ein Buch mit Texten von Isaak B. Singer und Bildern von Eric Carle: Noahs Taube.

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„Mit einem Olivenzweig im Schnabel kehrte sie zurück und Noah wusste, dass es wieder Land gab. Und wahr ist auch, dass es auf der Welt mehr Tauben gibt als Tiger, Leoparden, Wölfe, Geier und andere Raubtiere. Die Taube lebt glücklich ohne Kampf und Streit. Sie ist für die Menschen seit Noahs Zeiten zum Sinnbild des Friedens geworden.“

 

 

 

Notizen Palästina 2016

Palaestina_micaela_sauberZurück aus Tulkarem. Ein Sankt Nimmerleinsglöckchen bimmelt in Ramallah den Sonntag ein und vom Norden ziehen dunkle Wolken auf. Bei Dämmerungsbeginn setzt auch der Muezzin mit seinem Singsang ein. Das Glöckchen ist still geworden. Vom Minarett der Lautsprecher ruft nicht nur zum Gebet auch ein darauf folgender schier endloser rhythmischer sakraler Gesang tönt einlullend in den Luftraum überm Viertel.

 

Ein anderer Klang, hübsch und durchdringend, kommt morgens in Beit Sahour mit dem Wasserwagen: “Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht“ Brahms’ Wiegenlied tönt heute da, wo Engel den Hirten den Frieden verkündeten. Beit Sahour liegt im Westjordanland in Palästina. Die Leute hier sind durch eine Mauer vom Rest des Landes, das auch das ihre ist, abgesperrt. Die Nacht der Verhältnisse ist nicht mit Rosen bedacht.

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Auch in West-Jerusalem, einem hübschen Wohnviertel, das auf dem Gelände ehemaliger Dörfer der vorigen Einwohner des Landes erbaut ist, verkündet Brahms das Kommen des Wasserwagens am Morgen hier ebenso wie hinter der Mauer. Ach, sorgen wir doch bloß, dass in der Nacht die Lampe nicht ausgeht.

 

 

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Advent. „Mache Dich auf und werde Licht. Denn Dein Licht kommt.“

Ein altes Lied. Eine Aufgabe. Immer neu.

Herbstperlen vergänglich

Spinne

Aber es waren nur tote Äste, die aneinanderschlugen im Wind. In der Stadt machte der Goldschmied jetzt eine glänzende Kette für den Vater. Rote Schuh für Marleeneken waren schon beim Vogel Phönix und die Müllerburschen hackten den Mühlstein in Form, als Halsschmuck für die, die Kleinen in die Falle der Verführung locken. Die Frau sammelte währenddessen am Rand des Meeres weiße Federn und wob daraus einen Mantel, weißer als frischer Schnee, für die Elfin, die ihr das Kind geraubt hatte. Alle wissen inzwischen, dass der König Eselsohren hat, weil die goldene Kugel längst in den Brunnen gefallen war. Und ich singe mein Lied: Weh weh Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen.

Frau Holle

Hamburg/Stockholm 29. September 2015

Heute feiere ich Michaeli.

In Stockholm in der Storkyrkan sehe ich in dem gewaltigen Denkmal des Lübeckers Bernt Notke von 1489 dies: Der heilige Georg auf seinem Pferd über einem grausigen und machtvollen Drachenungeheuer.Stockholm St. Georg

Die Jungfrau betet. Die Andacht der jungfräulichen Seele ist unerschütterlich.Heiliger Georg Stockholm

Georg schaut nicht auf den schrecklichen Drachen der schon seine Tod bringende Pranke an den Bauch des Pferdes gesetzt hat. Der Speer des Ritters ist zerbrochen. Georg schaut mit hellem Antlitz nach vorn und nach oben und sein Antlitz ist erfüllt von Licht und überirdischer Kraft. Die Vergänglichkeit des Toten und die gewaltige Fülle und Macht des Geistes werden sichtbar.

 

Sarajevo 13.-18. September 2015

Er steht immer noch an der selben Stelle. Von grünen Blättern umrankt. Im Winter umgeben ihn kahle Äste. Manchmal ist der Schnee so weiß wie seine Gestalt.

 Ein Stein, bearbeitet von einem mittelalterlichen Künstler, zeigt eine aufrechte Gestalt mit einem großen Kopf, ohne Füße. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt, die Augen geschlossen.
Kraft strahlt von ihr, Innerlichkeit, Meditationskraft.

Kleine Verletzungen am weißen Stein zeugen von Gewalt – vielleicht durch Granatsplitter. Die Gestalt ist wie in den Stein gezeichnet. Die Form des Steines ist wie die Vorderseite eines Hauses mit einem spitzen Giebel.

Das Bild des Hauses mit dem spitzen Giebel wird von allen Kindern auf der ganzen Welt gezeichnet, auch von denen, die dort leben, wo es nur Flachdächer oder andere Hausformen gibt. Ein Urbild für das Haus des Menschen hier auf der Erde. Wir tragen es in uns.

Der Meditierende ist ganz bei sich und konzentriert und kraftvoll. Auf der rechten, etwas herunter gedrückten Schulter lastet ein kleines Kreuz,. Auf der linken Schulter und herunter bis zum Ellbogen wirken Kraftformen unterschiedlicher Art wie erfrischend, leicht. Auf dieser Schulter eine Sonne.

Dieses mittelalterliche bosnische Monument steht und steht und ich muss mit den Augen lauschen, um seine Geschichte zu erfahren. Früher stand es irgendwo im Land, wie auch viele, Hunderttausende dieser bearbeiteten Steine. Vielleicht haben Österreicher im 19. Jahrhundert diesen hier hingesetzt wie einen Hüter über einen langen Garten mit noch anderen weißen Steinen, die da stehen und Kraft aus strahlen.

Im Krieg 1992-1995 stand dieser Hüter in der Mitte zwischen zwei Fronten, im Niemandsland. Rechts Hass und Hohn, links Hunger und Verzweiflung auf der Seite der Eingeschlossenen. In allem was da geschah, stand er dort wie der Hüter des Menschenbildes, ganz bei sich und verbunden mit Himmel und Erde. Ein DenkMalSarajevo, vor dem Museum